Karneval

„Nutznießer“-Aussage von Merz: Kinderklinik in Darmstadt kontert mit Video

„Nutznießer“-Aussage von Merz: Kinderklinik in Darmstadt kontert mit Video

Die „Nutznießer“-Aussage von Bundeskanzler Merz in Richtung einer Kinderärztin schlägt derzeit hohe Wellen im Gesundheitswesen. In einem Video beziehen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kinderklinik Prinzessin Margaret in Darmstadt Stellung – mit Humor und Sarkasmus.

Bild © Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret, Collage: hessenschau.de


Audiobeitrag


Audio

00:38 Min.
|Helene Wilke

Bild © hessenschau.de|
zur Audio-Einzelseite
Ende des Audiobeitrags

„Nutznießer“ – ein Begriff mit Potenzial zum Unwort des Jahres. Zumindest, seit Bundeskanzler Friedrich Merz vor laufenden Kameras eine Kinderärztin in einer Debatte über das Gesundheitssystem als solche bezeichnete.

Abgesehen davon, dass es „Nutznießerin“ hätte heißen müssen, sorgte die Aussage des Kanzlers für Kopfschütteln und Ärger bei vielen Ärztinnen und Ärzten, beim Pflegepersonal und anderen Menschen, die im Gesundheitssystem tätig sind. Auch beim Personal der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret.  

Am Dienstagabend veröffentlichten die Kliniken auf ihrem Instagram-Kanal ein Video mit dem Titel „Wenn Helfen plötzlich Nutznießen heißt“. Darin bringen von der Oberärztin bis hin zur Krankenschwester viele Beschäftigte ihren Unmut auf ironische und sarkastische Art zum Ausdruck – man könnte auch von Galgenhumor sprechen.

Sarkastisches Video als Reaktion auf Merz

„Ich bin Nutznießer, ich profitiere davon, wenn Kinder schwer atmen“, sagt etwa ein Krankenpfleger. Eine Krankenschwester bezeichnet sich lächelnd als „Nutznießerin vom Schichtdienst“, Schlaf werde schließlich überschätzt. „Ich profitiere davon, wenn ich aufgebrachte Eltern vor der Notaufnahme beruhigen muss“, sagt die Frau am Empfang.

Externer Inhalt

Externen Inhalt von Instagram anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von Instagram. Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.


Ende des externen Inhalts

Das Video ging schnell viral. Am frühen Mittwochnachmittag hatte es bereits rund 23.000 Likes und wurde weit über eintausend Mal geteilt – Tendenz stark steigend.

Unter dem Video sind hunderte Kommentare zu lesen, die Reaktionen fallen fast ausschließlich positiv aus. „Danke für eure Arbeit und den Beitrag“, heißt es in einem Kommentar. Ein anderer Nutzer schreibt: „Humor ist die beste Medizin gegen akute politische Kopfschmerzen.“ Oder schlicht: „Danke, dass es euch gibt!“

Die Idee dazu sei spontan entstanden, sagt Oberärztin Lena Lippert, die auch in dem Video zu sehen ist, der hessenschau: „Die Worte von Herrn Merz haben in unserer Berufsgruppe Irritationen und Fassungslosigkeit ausgelöst.“ Als Kinderklinik habe man sich dazu positionieren wollen, sagt Lippert: „Humor schien uns da die passende Form“.

Oberärztin: „Große Respektlosigkeit“

Tatsächlich habe sie erst einmal lachen müssen, als sie die „Nutznießer“-Aussage zum ersten Mal gehört hat. Was dahinter steckt, sei aber nicht witzig. „Es ist eine große Respektlosigkeit gegenüber den Menschen, die hier ihr Herzblut reinstecken, Überstunden leisten und Nachtschichten schieben.“

Dass das Video solch einen großen Anklang findet, freut sie: „Es zeigt, dass die Gesellschaft uns versteht und genauso irritiert und fassungslos ist.“

Sandra Winzer, Sprecherin der Kinderklinik, betont darüber hinaus, dass es nicht primär darum gehe, den Bundeskanzler zu tadeln. „Wir wollen sichtbar machen, was hinter der Arbeit im Gesundheitswesen steckt“, so Winzer. Dort seien Menschen rund um die Uhr für andere da – „mit Fachwissen, Verantwortung und ganz viel Herz“.

Debatte im Fernsehen als Auslöser

Aber worum geht es genau? Bundeskanzler Merz hatte am vergangenen Donnerstag in der RTL-Sendung „Am Tisch mit Friedrich Merz“ angeführt, ärztliche Budgets seien in den vergangenen Jahren um 40 Prozent gestiegen.

An die Kinderärztin und Influencerin Bea Merscher gerichtet, die mit am Tisch saß, sagte der CDU-Politiker: „Wir geben über 500 Milliarden Euro für unser Gesundheitssystem aus und da sind Sie als Teil dieses Gesundheitssystems auch Nutznießer.“ Dann schob er hinterher: „Sie als Ärztin, Sie könnten ohne dieses Gesundheitssystem nicht leben.“

Zuvor hatte Merscher den Kanzler gefragt, warum er „menschenverachtende und zerstörerische Gesetze“ wie das Sparpaket bei den Gesundheitsausgaben erlasse. Merz reagierte pikiert: „Das ist eine persönliche Herabsetzung, die geht zu weit.“

Merscher berichtet von Morddrohungen

Für ihre Aussage bekam Merscher viel Zustimmung, aber auch viel Kritik – sogar Morddrohungen habe sie erhalten, sagte die Medizinerin am Mittwochmorgen auf Instagram. „Ich wurde zum Freiwild erklärt und die Jagd auf mich wurde eröffnet“, schreibt sie dort.

Mit ihrem Unverständnis für Merz sind Merscher und die Beschäftigten der Darmstädter Kinderkliniken nicht allein. Die Merz-Aussage hat ein breites Echo aus dem Gesundheitssystem ausgelöst. „Eine Charakterisierung von Ärztinnen und Ärzten als Nutznießer des Gesundheitssystems wertet ihre Arbeit ab und verdreht die Verhältnisse“, schreibt etwa der Ärzteverband Marburger Bund in einer Stellungnahme.

„Ärztinnen und Ärzte behandeln Patientinnen und Patienten. Diese Versorgung kostet Geld. Und natürlich muss ärztliche Arbeit angemessen bezahlt werden“, heißt es dort weiter.

Ärzte kritisieren Merz

Auf Instagram schreibt eine Ärztin: „Genau mein Humor! 2021: Wir wurden beklatscht. ‚Systemrelevant‘ nannte man uns. Helden der Pandemie. 2026: Friedrich Merz nennt uns ‚Nutznießer‘ unseres eigenen Gesundheitssystems.“

Auch Jan-Patrick Pech, ein Hausarzt aus Darmstadt, zeigt wenig Verständnis für Merz‘ Aussagen: „Menschen, die sich trotz aller Widrigkeiten gegen wirtschaftliche Vernunft für Mitmenschen einbringen sind keine Nutznießer, sondern Stützen eines fehlgeleiteten Gesundheitssystems“, sagt der Mediziner der hessenschau.

Für den kommenden Samstag hat Kinderärztin Merscher eine Demonstration vor dem Bundestag in Berlin angekündigt. Dabei geht es um die Perspektive des deutschen Gesundheitssystems. Auf ihre Frage, ob er denn auch zur Demonstration komme, habe Merz laut Merscher nur entgegnet: „Ganz bestimmt nicht.“

Sendung:
hr4,

Quelle: hessenschau.de

Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/nutzniesser-aussage-von-merz-kinderklinik-in-darmstadt-kontert-mit-video-v1,nutzniesser-video-kinderkliniken-100.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert