In einer Bildhauerwerkstatt in Oberursel dürfen verurteilte Jugendliche ihre Strafe in Kunst verwandeln – und nebenbei ihre sozialen Kompetenzen stärken. Seit 25 Jahren ist das ein Erfolgsrezept. Nun hat der Verein „Die Kunsttäter“ eine neue Bleibe bekommen.
Tom hat schon am ersten Tag seine Lektion gelernt. Der junge Mann aus Oberursel (Hochtaunus) hat vor zwei Jahren einen schweren Raub begangen und wurde erwischt. Da war er 20 Jahre alt. Weil er sich aber vorher nichts hatte zu Schulden kommen lassen, war das Jugendgericht gnädig.
Tom, dessen wahrer Name nicht genannt werden soll, darf nun seine Strafe bei „Die Kunsttäter“ abtragen, einem gemeinnützigen Verein in Oberursel. 60 Stunden Arbeit in einer Bildhauerwerkstatt sollen ihn auf den rechten Weg führen.
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03:42 Min.|Jan Tussing
Neustart in den Räumen des DRK
Dabei mussten die „Kunsttäter“ bis vor wenigen Monaten noch um ihre Existenz bangen, denn der Mietvertrag in der ehemaligen Kfz-Werkstatt der Feldbergschule lief aus.
Weil sich Oberursels Bürgermeisterin Antje Runge (SPD) um einen neuen Standort kümmerte, konnte der Verein in das ehemalige Gelände des Deutschen Roten Kreuzes in der Marxstraße umziehen. Für die Bürgermeisterin ist „die persönliche Förderung junger Menschen ein Gewinn für die gesamte Stadtgesellschaft“.
Der Erziehungsgedanke im Vordergrund
Deutsches Jugendstrafrecht ist besonders. Anders als bei Erwachsenen, steht für den Gesetzgeber der Erziehungsgedanke im Vordergrund. „Jugendliche sind noch formbar“, sagt Nicole Demme vom Amtsgericht in Königstein. „Wir wissen, dass jugendliche Delinquenz in den allermeisten Fällen periodisch ist, sie tritt in der Pubertät auf und geht dann eben auch wieder vorüber.“
Als Jugendrichterin darf sie entscheiden, ob sie einen jungen Straftäter zu einem Anti-Aggressionsseminar verpflichtet, einer Drogenberatung oder eben wie Tom zu einem sozialen Trainingskurs.
„Wir schauen uns jeden Einzelnen an“, sagt Demme, denn natürlich könne man einen Dieb nicht an ein Altersheim vermitteln, das passe nicht. „Wir wollen ja nicht, dass sich ein Diebstahl wiederholt.“
„‚Kunsttäter‘ geben den Jugendlichen eine echte Chance“
Ziel der erzieherischen Maßnahmen sei vor allem, dass die Jugendlichen nicht nochmal bei Gericht erscheinen. Und diese große Hoffnung erfülle sich auch in den allermeisten Fällen, betont Jugendrichterin Demme. Die Arbeitsstunden seien dabei ein wichtiger Teil der Einwirkung, denn junge Menschen haben häufig keine Tagesstruktur.

Kunstwerke wie dieser Totenschädel entstehen in der Bildhauerwerkstatt der „Kunsttäter“.
Bild © Tim Grube/hr
Gerade bei den „Kunsttätern“ könnten auch „eher schwierige Protagonisten“ gute Erfahrungen machen. Solche, die sich als unzuverlässig erwiesen hätten, womöglich nicht fließend Deutsch sprächen oder in anderen Ableistungsstellen schwierig einzubinden seien. „Und nicht wenige entdecken dabei auch ihre eigenen Fähigkeiten, sogar handwerkliches Geschick“, so Demme.
Mit 13 Jahren obdachlos
Tom hat in seiner Kindheit viel Unsicherheit erlebt. Nach der Scheidung seiner Eltern brach seine Familie auseinander. Der jüngere Bruder ging mit der Mutter in die Schweiz. Der Vater musste eine dreijährige Haftstrafe absitzen.
Tom wurde obdachlos. Er war erst einmal auf sich allein gestellt – „mit nichts als einem Schulrucksack“, erinnert sich Tom. „Also, das war schon scheiße“. Kurz darauf zog er mit seinem älteren Bruder ins Heim. Da war er gerade mal 13 Jahre alt.
Kunst bewahrt junge Straftäter vor der Haft
An die Zeit im Heim hat Tom gute und schlechte Erinnerungen. „Es war schlecht, aber ich habe etwas Gutes daraus gemacht,“ sagt er. Der inzwischen 22-Jährige sitzt am großen Tisch in der Werkstatt und feilt an einem Speckstein, es wird eine 74. Die Zahl stehe für die Hausnummer des Heims. „Es war wahrscheinlich auch sowas wie Familie“.
Die Arbeit in der Bildhauerei rettet Tom nun vor einer Haftstrafe – und vielleicht auch vor sich selbst. „Ich habe schon am ersten Tag gespürt, dass es dumm war, was ich gemacht habe. Ich war glücklich, dass ich Sozialstunden bekommen habe und nicht in den Knast gehen musste“. Tom spürt auch: diese Arbeit hat einen „seelischen Nutzen“.
Pädagogisch wertvoll
Für den „seelischen Nutzen“ sorgt auch Raphael Wunner. Der Erzieher und Sozialarbeiter arbeitet bei „Die Kunsttäter“ als Vertrauensperson und betreut die jungen Straftäter, die ihm von der Jugendgerichtshilfe zugewiesen werden. Für ihn ist relevant, „dass die kommen, dass die hier arbeiten und sich an die Regeln halten“.

Sozialarbeiter Raphael Wunner zeigt einen Speckstein, mit dem die Jugendlichen arbeiten.
Bild © Tim Grube/hr
Der Verein hat einen festgesteckten Rahmen, der viele Freiheiten lässt, so Wunner. „Welche Straftaten sie begangen haben, interessiert mich erstmal nicht, bzw. ich frage nicht danach.“
Die jugendlichen Straftäter entscheiden zudem selbst, wie oft und wie lange sie in der Bildhauerwerkstatt arbeiten. Sie lernen Selbstverantwortung und müssen ihre Zeit eigenverantwortlich in den Alltag integrieren.
Kunst als Reise in die innere Welt
Die Arbeit in der Bildhauerwerkstatt ist ein Angebot an die jungen Menschen, sich auch mit sich selbst zu beschäftigen, sagt Erzieher Wunner.
„Mit dem Medium Kunst, und durch die Auseinandersetzung mit dem Material, können die jungen Leute ihrer inneren Welt und ihren Gefühlen einen Ausdruck verleihen, der ohne diesen Rahmen ganz oft nicht möglich ist.“
„Diese Arbeit ist eine Chance“
Der Verein in Oberursel ist für viele junge Leute zudem die allererste Berührung mit Kunst. Die handwerkliche Arbeit in der Bildhauerwerkstatt sei eine völlig neue Erfahrung, so Wunner, und es sei „positiv zu sehen, dass sich bei manchen – natürlich nicht bei allen – im Laufe der Zeit eine Auseinandersetzung mit sich selbst stattfindet“.
Bei diesem Prozess begleitet der Sozialarbeiter die Jugendlichen, und es entsteht im besten Fall eine vertrauensvolle Beziehung. Für Wunner ist die Arbeit mit jungen Menschen sehr erfüllend, „denn in dem Alter passiert wirklich etwas“.
Die Entwicklungssprünge sind umso größer, je jünger die Menschen sind. Diese Arbeit sei „eine Chance, Menschen am Rande der Gesellschaft eine Erfahrung zu ermöglichen, die sie teilhaben lässt.“
Mit Kunst resozialisieren
„Die Kunsttäter“ wurden vor rund 26 Jahren in Oberursel von Andreas Hett gegründet. Der gelernte Kunsttherapeut hatte im Juni 2000 die Idee, jugendliche Straftäter mit Kunst zu resozialisieren. Mit zwei Künstlerkollegen betrieb Hett im alten Umspannwerk in Oberursel ein kleines Atelier.
Nach seinem Studium der Sozialarbeit begann sein Interesse für die Jugendgerichtshilfe, denn „mit handwerklicher Arbeit lassen sich persönliche Grenzen überwinden“, sagt Hett. Der Bildhauer sieht zum Beispiel, wie Jugendliche sich plötzlich trauen, mit großen funkensprühenden Eisensägen zu arbeiten.

Andreas Hett mit einem Straftäter in der Kunsttäter-Werkstatt.
Bild © picture alliance/dpa | Andreas Arnold
Mit Bildhauerei Selbstwirksamkeit erleben
Am Ende seien sie stolz, dass sie ihre Angst überwunden und über den handwerklichen Prozess Vertrauen in sich selbst gewonnen haben, erzählt Hett. Das lasse sich nach Ansicht des Kunsttherapeuten auch auf andere Lebensbereiche übertragen.
Damit sind die „Kunsttäter“in Deutschland einzigartig, denn sie stellen den kreativitätsentwickelnden Prozess in den Fokus – und nicht die Strafe.
Kunst für den öffentlichen Raum
Wer durch die neuen Räume des Vereins geht, sieht die vielen Skulpturen und Kunstwerke, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, aus Metall, Holz und Speckstein. In einem Raum werden Schachspiele, Bänke und Statuen ausgestellt, die käuflich zu erwerben sind.

Ein Schachspiel mit Figuren aus Speckstein.
Bild © Tim Grube/hr
Einige große Kunstwerke haben es sogar in den öffentlichen Raum geschafft, sagt Raphael Wunner stolz. Im Oberurseler Rushmoor Park zum Beispiel steht seit 2008 „Der Verdrehte“.
Für den Oberurseler Mittelalterverein „Ursellis Historica“ wurde die Figur einer „Keltenfürstin“ angefertigt. Die nicht weit entfernte Krebsmühle hat von den „Kunsttätern“ als Firmenlogo einen übergroßen Krebs erhalten.
Kunst in den Alltag integrieren
Seit Ende August sind „Die Kunsttäter“ im ehemaligen Gelände des Deutschen Roten Kreuzes in der Marxstraße untergebracht. Auch Tom wird dort in den kommenden Monaten arbeiten und die Bildhauerei erlernen. Als „Kunsttäter“ wird er die Kunst in seinen Alltag integrieren.
Tagsüber arbeitet er in einem Fitnessstudio, die Nachmittage verbringt er in der Bildhauerwerkstatt. Bisher hat er sieben Stunden absolviert. „Ich bin jetzt auf jeden Fall stressig unterwegs“, sagt Tom. „Nach der Arbeit direkt hierhin, dann muss ich ins Training, und dann direkt wieder schlafen gehen.“
Ein voller Tag also – und keine Zeit, um auf dumme Gedanken zu kommen.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/verein-kunsttaeter-in-oberursel-wenn-aus-jungen-straftaetern-kuenstler-werden-v1,kunsttaeter-oberursel-resozialisierung-100.html

