Wer schon einmal Post „vom Amt“ bekommen hat, kennt es vielleicht: Die Texte sind oft so kompliziert, dass sie unverständlich sind. In Marburg hat sich ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung das Ziel gesetzt, Behördenbescheide verständlich zu machen – und landet mit dem Projekt einen Volltreffer.
Briefe und Bescheide von den Behörden sind oft kompliziert formuliert.
Bild © picture-alliance/dpa
„Gemäß § 24 SGB X ist, bevor ein Verwaltungsakt erlassen wird, der in die Rechte eines Beteiligten eingreift, diesem Gelegenheit zu geben, sich zu den für die Entscheidung erheblichen Tatsachen zu äußern.“
Post „vom Amt“, die Zitate wie dieses beinhaltet, kann Betroffene sehr verunsichern – gerade, wenn das Sozialamt oder das Arbeitsamt etwas will, wenn es um Abrechnungen oder Bescheide geht. Im schlimmsten Fall versteht der Empfänger nicht, was er tun muss.
Audio
02:50 Min.|Anna Spieß
Hier setzt Felix Speidel an. Er ist stellvertretender Fachdienstleiter Soziale Leistungen in Marburg. Heißt: Er ist für die Sozialleistungen zuständig, etwa Sozialhilfe, Leistungen für Asylbewerber oder Wohngeld. Als studierter Jurist hat er regelmäßig mit sperrigen Gesetztestexten zu tun.
„Wir müssen uns umgangssprachlicher ausdrücken“
Seiner Meinung nach ist es Menschen nicht zuzumuten, solche Briefe vom Sozialamt zu bekommen und (schnell) darauf reagieren zu müssen. Der Bescheid richte sich an den Empfänger, erklärt er: „Und dieser muss ihn auch verstehen.“ Viele Begriffe würden bislang nur von Richterinnen und Richtern verstanden. „Ich versuche, das umzudrehen, zu sagen: Wir müssen uns umgangssprachlicher ausdrücken, um das Recht verwirklichen zu können.“
Soll heißen: Wenn eine Person Anspruch auf Sozialleistungen oder auf Widerspruch hat, dann muss sie von diesem Recht auch Gebrauch machen können. Dafür nimmt sich Speidel Text für Text vor.

Felix Speidel
Bild © Anna Spieß (hr)
Viele positive Rückmeldungen
„Ich versuche, zu entschlacken und zu entscheiden, welche Informationen müssen wir teilen, welche müssen in den Bescheid und welche kann ich aufgelockert in einem Merkblatt dazu legen“, erzählt er.
Speidels neue Formulierung klingt dann so: „Wir müssen eine Entscheidung treffen. Vielleicht ist diese Entscheidung nicht gut für Sie. Deshalb möchten wir vorher wissen, was Sie dazu sagen. Sie haben das Recht, Ihre Meinung zu äußern, und wir wollen nichts übersehen. Ihr Recht steht in Paragraf 24 des Zehnten Buch Sozialgesetzbuchs (SGB X).“
Ziel: verständliche Texte für alle
Seine Texte lässt er andere gegenlesen, darunter Leistungsempfänger selbst, aber auch andere Juristen. Es gehe dabei nicht um die so genannte Einfache Sprache für Menschen, die nicht gut lesen und schreiben können. Es geht ihm um verständliche Texte für alle.
Es gab viel Lob, sagt Speidel, aber auch Kritik, etwa, dass die Behörden ihre Seriosität verlieren. Doch Speidels Chefin, Sozialdezernentin Kirsten Dinnebier (SPD) steht hinter ihm. Die Menschen bräuchten das Gefühl, der Staat entscheide nicht über ihre Köpfe hinweg und spreche ihre Sprache.
Und so wollen innerhalb der Verwaltung auch andere Fachbereiche ihre Texte vereinfachen, und Sachbearbeiter melden sich zurück und erzählen, dass sie die Bescheide nun selbst besser verstehen und letztendlich auch besser erklären können.
Bundesweites Netzwerk entstanden
Und sogar andere Kommunen melden sich, berichtet Speidel. Mittlerweile hat sich ein bundesweites Netzwerk von über 20 Städten und Kommunen zusammengefunden, die Tipps haben wollen oder die Workshops mit Speidel organisieren.
Sein Wunsch wäre, dass eine Art Arbeitsgemeinschaft entsteht, Texte geteilt werden und die Mitglieder sich verschiedene Bereiche von Verwaltungstexten vornehmen – damit irgendwann alle Bescheide für die Menschen verständlich sind.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/wie-ein-behoerdenmitarbeiter-in-marburg-gegen-behoerdendeutsch-kaempft-v1,beamtensprech-vereinfacht-marburg-100.html


