Manche Wiesbadener müssen sich ab sofort ihre Adresse neu merken, denn die Stadt benennt eine Reihe von Straßen um: Historiker hatten sich die Biografien bisheriger Namensgeber angeschaut – und viele Bezüge zum Nazi-Regime aufgedeckt.
Aus Heinrich-Pette-Straße wird Hans-Joachim-Jentsch-Straße.
Bild © Landeshauptstadt Wiesbaden
Heinrich Pette ist gestrichen: Seit den 60er Jahren war der Mediziner Namensgeber einer Straße im Wiesbadener Stadtteil Bierstadt – bis jetzt. Weil Pette nicht nur Arzt, sondern auch frühes NSDAP-Mitglied war und die Ideen der Nazis zur sogenannten „Rassenhygiene“ befürwortete, hat die Stadt Wiesbaden der Straße in Bierstadt einen neuen Namen gegeben.
Hans-Joachim-Jentsch-Straße heißt sie nun, benannt nach dem Juristen und ehemaligen Wiesbadener Oberbürgermeister. Insgesamt ändert die Stadt in diesen Tagen sechs Straßennamen, weil deren Namensgeberinnen und Namensgeber nachweislich mit dem NS-Regime in Verbindung standen.
Das sind die neuen Straßennamen in Wiesbaden:
- Christian-Bücher-Straße in Hafenstraße (Schierstein)
- Gerhardt-Katsch-Straße in Anna-von-Doemming-Straße (Bierstadt)
- Heinrich-Pette-Straße in Hans-Joachim-Jentsch-Straße (Bierstadt)
- Jonas-Schmidt-Straße in Am Hof Geisberg (Nordost)
- Elmendorffstraße in Elisabeth-Schwarzhaupt-Straße (Südost)
- Viktoria-Luise-Straße in Eva-Hesse-Straße (Südost)
Die Anwohnerinnen und Anwohner wurden nach Angaben der Stadt schriftlich informiert und haben neue Adressaufkleber für Personalausweise und Fahrzeugscheine auf Kosten der Stadt bekommen.
Über 70 Lebensgeschichten angeschaut
Die neuen Straßennamen sind das Ergebnis einer längeren geschichtlichen Aufarbeitung in Wiesbaden: Zwischen 2021 und 2023 hat sich eine Historische Fachkommission im Auftrag der Stadt Straßen, Plätze, Gebäude und Einrichtungen angeschaut, die nach Personen benannt sind – und deren Lebensgeschichten untersucht.
71 Biografien schauten sich die Experten an. Bei insgesamt 18 Straßen empfahlen sie der Stadt eine Namensänderung, weil sie nach Unterstützerinnen oder Unterstützern der Nazis im Dritten Reich benannt sind. Einen Überblick über die betroffenen Straßen gibt es auf dieser Karte. Dort sind auch die jeweiligen Biografien verlinkt.
Trotz NS-Bezugs: Manche Namen bleiben
Doch nicht in allen kritischen Fällen wird der Straßenname tatsächlich geändert. Die Empfehlungen wurden den Ortsbeiräten zur Diskussion vorgelegt, und einige Änderungsvorschläge wurden abgelehnt. Manche Schilder bekommen lediglich Infotafeln, die einen Kontext herstellen sollen, während der Straßenname derselbe bleibt.
Dichter Rudolf Dietz zum Beispiel ist in seinem Geburtsort Wiesbaden-Naurod noch heute so präsent, dass einige seiner Gedichte auf Tafeln graviert an öffentlichen Plätzen zu lesen sind. Dietz war Mitglied der NSDAP sowie weiterer völkischer Organisationen, einige seiner rund 1.000 Gedichte gelten heute als antisemitisch.
Trotzdem entschied der Ortsbeirat 2025, entgegen der Empfehlung der Historischen Fachkommission, den Namen der Rudolf-Dietz-Straße beizubehalten. Eine Infotafel soll stattdessen Kontext liefern.
Auch das beliebte Opelbad am Neroberg soll weiter so heißen. Der Bezug zum NSDAP-Mitglied Wilhelm von Opel soll aber aufgehoben werden. Die Grünanlage, die nach dem NSDAP-Mitglied Adam Herbert benannt wurde, soll in die benachbarte Reisinger-Anlage integriert werden – und bräuchte dann keinen eigenen Namen mehr.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/wiesbaden-benennt-strassen-um-namensgeber-mit-nazi-vergangenheit-v1,strassen-umbenennung-wiesbaden-100.html



