Wegen einer aus den Fugen geratenen Brückensanierung war der Stadtteil Ersheim jahrelang von der Kernstadt abgeschnitten, Autos mussten lange Umwege fahren. Jetzt ist die Brücke fertig, die Erleichterung entsprechend groß. Der Bürgermeister plant gar einen neuen Feiertag.
Auf der Neckarbrücke in Hirschhorn (Bergstraße) herrscht ausgelassene Stimmung, in der Sonne wird Sekt getrunken, geplaudert und gelacht. Und die Hirschhorner haben auch allen Grund zum Feiern, denn der 28. September 2026 hat für die kleine Gemeinde in Südhessen nahezu historische Bedeutung.
„Der heutige Tag geht als Tag der Hirschhorner Einheit in die Geschichte ein“, verkündet Landrat Christian Engelhardt (CDU) am Montagnachmittag in fast staatstragender Manier, bevor er feierlich ein Band durchschneidet und winkend in einer frisch polierten Isetta davonfährt.

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Keine Mauer, dafür ein Fluss
Tatsächlich endete am Montag eine lange Leidenszeit – mehr als vier Jahre war die Odenwald-Gemeinde entzweigerissen. In Hirschhorn war es keine Mauer, die die Menschen wie einst in Ost- und Westdeutschland trennte, hier war der Neckar die unüberwindbare Grenze. Auf der anderen Seite herrschte auch kein Kommunismus, dafür aber Ärger und Unzufriedenheit.
Denn seit Sommer 2022 war die Wehrbrücke – die einzige Verbindung zwischen der Kernstadt und dem Stadtteil Ersheim – wegen Sanierungsarbeiten gesperrt, kein Fahrzeug konnte die Brücke überqueren, nur Fuß- und Radverkehr waren zugelassen. Wer mit dem Auto oder gar dem Lkw von Ersheim nach Hirschhorn fahren wollte, musste teils Umwege von bis zu 30 Kilometern auf sich nehmen.
Jetzt ist Hirschhorn endlich wiedervereint, am Montag wurde die Brücke feierlich wiedereröffnet und für den Verkehr freigegeben – sofort und unverzüglich. „Wir sind das Volk“ wurde auf der Brücke nicht skandiert, dafür aber jede Menge Reden geschwungen.

Saniert und wieder befahrbar: die Wehrbrücke in Hirschhorn
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Einwohner sind erleichtert
Neben Landrat Engelhardt drückte auch Bürgermeister Martin Hölz (parteilos) seine Freude aus: „Es ist ein Tag der Erleichterung“, sagt er der hessenschau. Die Stadt könne wieder aufatmen. Manch einer mag angesichts des Überschwangs schon von blühenden Landschaften träumen.
Auch den Menschen aus Hirschhorn ist die Erleichterung an diesem sonnigen Montag anzumerken. „Endlich wieder frei!“, freut sich eine Anwohnerin, ein Mann mit einer Sektflasche in der Hand spricht von einem „Grund zu feiern“. Für eine weitere Anwohnerin ist „ein Wunder geschehen“, sie freue sich sehr, dass die Brücke doch noch fertig geworden ist.

Ausgelassene Stimmung auf der Wehrbrücke
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Ihr ironisches Lächeln und der fast schon sarkastische Unterton in der Stimme zeigen aber auch: Die lange Sperrung hat Spuren hinterlassen. Zu Beginn ging die Stadt von einer Sperrung von acht Monaten aus, am Ende wurden es quälend lange vier Jahre.
„Hat sich ins Gedächtnis der Menschen gebrannt“
„Die Menschen in Ersheim fühlten sich natürlich abgeschnitten von der Stadt“, blickt Bürgermeister Hölz zurück. Das habe auch soziale und wirtschaftliche Folgen gehabt.
Ein Spediteur hatte bereits Anfang des Jahres gegenüber der hessenschau hohe Einbußen beklagt: „Ich habe eine sechsstellige Summe durch die Brückensanierung verloren.“ Das sei nur eines von vielen Beispielen, so der Bürgermeister.
In dieser Zeit hätten zudem das letzte Wirtshaus und auch ein Supermarkt in Ersheim schließen müssen, das habe es für die rund 1.500 Menschen dort noch einmal schwieriger gemacht, sagt Hölz. „Diese Zeit hat sich ins Gedächtnis aller Betroffenen eingebrannt und wird auch in Zukunft zu spüren sein.“
Manche sanieren eine Brücke, andere bauen ein ganzes Kloster
Die Verzögerungen bei der Sanierung waren stets Gesprächsthema in der Stadt, viele Menschen hatten schon gar nicht mehr an eine Fertigstellung geglaubt. „In der Zeit, in der hier eine Brücke saniert wird, haben unsere Vorfahren ein ganzes Kloster samt Kirche in den Fels gehauen“, sagt der Mann mit der Sektflasche. Tatsächlich dauerte die Bauzeit des ortsansässigen Karmeliter-Klosters Anfang des 15. Jahrhunderts gerade einmal sechs Jahre.
„Das anfängliche Verständnis ist inzwischen einer gewissen Empörung der Bürger gewichen“, sagte Bürgermeister Hölz noch im Februar. Damals verglich er die Sanierung gar mit dem Bahnprojekt „Stuttgart 21“, dem Symbol schlechthin für Fehlplanungen, Verzögerungen und ausufernde Kosten.
Dass es bei der Brücke zu solch gravierenden Verzögerungen kam, habe laut Verkehrsbehörde Hessen Mobil daran gelegen, dass viele Schäden erst im Laufe der Arbeiten sichtbar geworden seien. „Das war hier leider an vielen Stellen der Fall“, erklärt Arno Krämer, Leiter des Baudezernats bei Hessen Mobil. Auch die Entsorgung von Asbest und die Bestellung zusätzlicher Bauteile hätten die Arbeiten verzögert. Probleme, die die Klosterbauer sicher nicht hatten.
Trotz aller Widrigkeiten ist sich Bürgermeister Hölz der negativen Außenwirkung bewusst: „Wir müssen das Vertrauen bei der Planung von öffentlichen Projekten wieder zurückgewinnen, wir müssen uns besser vorbereiten und transparenter kommunizieren.“ Die Botschaft geht auch in Richtung Landkreis und Hessen Mobil.
Ein neuer Feiertag für Hirschhorn
Doch an diesem Montag überwiegt die Freude, die lässt sich auch der Bürgermeister nicht nehmen. Der denkt sogar darüber nach, den Tag künftig als eine Art Feiertag fest im Hirschhorner Kalender zu verankern. Dann wird der 28. September auch offiziell zum „Tag der Hirschhorner Einheit“.
Quelle: https://www.hessenschau.de/panorama/zweigeteiltes-hirschhorn-feiert-seine-wiedervereinigung-v1,hirschhorn-wiedervereinigung-100.html


