Rund 400 Menschen ohne Krankenversicherung suchen jedes Jahr Hilfe bei den Maltesern in Offenbach. Ehrenamtliche Ärzte behandeln dort Brüche, Infekte oder akute Schmerzen kostenlos. Einige engagieren sich dafür sogar noch im Ruhestand.
Auf den ersten Blick erinnert alles an eine gewöhnliche Sprechstunde in einer gewöhnlichen Arztpraxis. Matthias Zimmer bittet den Patienten, sein Leiden zu schildern. Eine Assistentin misst den Blutdruck. 175 zu 95. Der Patient zeigt auf eine dunkle Stelle am Ellbogen. „Tut weh“, sagt er. Ein schmerzender Abszess hat sich gebildet.
Kein ungewöhnlicher Fall bei den Maltesern im Offenbacher Ketteler-Krankenhaus. Man sieht hier allerlei: Brüche, akute Rückenschmerzen, Infekte. Auch Schwangere werden betreut. So weit, so gewöhnlich. Und doch läuft hier alles etwas anders: Denn keiner der hier behandelten Patienten hat eine Krankenversicherung.
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Einmal in der Woche, jeweils mittwochs von 17 bis 19 Uhr, können Patientinnen und Patienten ohne Krankenversicherung bei den Maltesern medizinische Hilfe bekommen. Der Bedarf ist hoch, die Schicksale sind vielfältig. Menschen mit ungeklärtem Aufenthaltsstatus kommen ebenso wie solche, die aus der privaten Krankenversicherung herausgefallen sind oder aus anderen Gründen keinen Versicherungsschutz haben.
„Als ich meinen ärztlichen Beruf fand und hier in Offenbach ausüben durfte, habe ich gemeinsam mit meinem Vater mitbekommen, dass es Menschen bei uns in der Stadt und im Landkreis gibt, die keine Krankenversicherung haben und nicht wissen, wo sie Hilfe bekommen können“, sagt Matthias Zimmer. „Das war für mich als Malteser, aber auch als Arzt, der Punkt zu sagen, da kann ich was ändern.“
Im Hauptberuf ist Zimmer in der zentralen Notaufnahme im Ketteler-Krankenhaus tätig. Die Malteser-Sprechstunde leitet er in seiner Freizeit – ehrenamtlich wie alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Matthias Zimmer, Leiter der Malteser-Sprechstunde in Offenbach.
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Viele Menschen ohne Krankenversicherung
Seit 2019 versorgt die Malteser-Praxis Menschen, die durch das reguläre Gesundheitssystem fallen. Deren Zahl ist durchaus beachtlich. Die letzte Schätzung des Statistischen Bundesamts bezieht sich auf das Jahr 2023. Rund 72.000 Menschen hatten demnach bundesweit weder eine Krankenversicherung noch einen anderweitigen Anspruch auf Krankenversorgung. Hilfsorganisationen gehen sogar von einer Dunkelziffer von bis zu 200.000 Menschen aus. Zahlen für Hessen liegen nach Auskunft des Ministeriums für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege derzeit nicht vor.
Die Malteser bieten daher bundesweit an 21 Standorten medizinische Sprechstunden für Menschen ohne Krankenversicherung an – darunter fünf in Hessen (siehe Infobox). Wie hoch der Bedarf ist, zeigt sich auch in Offenbach. Rund 400 Menschen werden hier nach Angaben der Malteser pro Jahr behandelt – davon 150 Neupatientinnen und -patienten.

Gabriele Türmer, Koordinatorin der Malteser-Sprechstunde am Ketteler-Krankenhaus.
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Möglich wird das ausschließlich durch Spenden und ehrenamtliches Engagement. Zwei Offenbacher Apotheken stellen Material und Medikamente zur Verfügung. Die Behandlung erfolgt kostenlos. Die Zahl der Patientinnen und Patienten schwankt. Manchmal sind es nur zwei, manchmal auch 20, die hier auf Hilfe hoffen.
„Als zum Beispiel der Ukraine-Krieg begann, da hatten wir einen sehr, sehr großen Andrang an ukrainischen Menschen. Es hat ewig gedauert, bis die durchregistriert waren und dann endlich Leistungen bekamen. So lange kamen die hierher zu uns. Da sind wir aus allen Nähten geplatzt“, sagt Gabriele Türmer.
Die ausgebildete Juristin koordiniert die Sprechstunde und kümmert sich um alles, was den nichtmedizinischen Bereich betrifft. Dazu zählt die Öffentlichkeitsarbeit ebenso wie die Akquise von Spendengeldern.
Auch die sogenannte Eingangsberatung fällt in Türmers Zuständigkeitsbereich: „Bei den Patientinnen und Patienten, die zum ersten Mal hier sind, fragen wir natürlich, warum haben sie keine Krankenversicherung“, sagt sie. „Das versuchen wir herauszufinden und dann schaue ich, ob ich da helfen kann.“
Hilfe über die Sprechstunde hinaus
Denn die medizinische Versorgung ist zwar der wichtigste, aber nicht der einzige Teil der Hilfe für die Patientinnen und Patienten. Wer in die Sprechstunde kommt, wird in einer eigenen Kartei erfasst, um die weitere Behandlung zu ermöglichen. Wenn notwendig, vermitteln die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer weitere Untersuchungen und Behandlungsmöglichkeiten.
Doch dafür braucht es ausreichend Personal. „Wir hatten mal einen Engpass jetzt über den Sommer, da hatten wir nur noch vier aktive Ärzte. Und wenn dann mal einer krank wurde, da ist es eng geworden“, erinnert sich Gabriele Türmer. „Aber das hat sich Gott sei Dank sehr schnell geregelt.“
Nach einem Artikel in der Offenbach- Post klingelte schon am nächsten Tag das Telefon. „Ich habe vor zwei Monaten mit meiner Praxis aufgehört. Kann ich bei Ihnen mitmachen?“, fragte ein Anrufer, erinnert sich Türmer.
Ärzte engagieren sich im Ruhestand
So war es auch bei Helmut Jäger. Eigentlich ist der Mediziner seit acht Jahren im Ruhestand. Seinem ärztlichen Selbstverständnis fühlt er sich aber weiterhin verpflichtet. „Zum einen ist es irgendwie tragisch, dass es Leute gibt, die nicht versichert sind“, sagt Jäger, „und zum anderen ist das für mich eine Möglichkeit, das, was ich gelernt habe, sinnbringend, vielleicht auch nutzbringend anzubringen und weiterzugeben.“

Helmut Jaeger ist ehrenamtlicher Arzt bei den Maltesern in Offenbach.
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Das Ketteler-Krankenhaus betont seine christlichen Wurzeln, ebenso die Malteser. Die Hilfsorganisation kann auf eine fast 900-jährige Geschichte zurückblicken. Schon im 11. Jahrhundert widmeten sich die Malteser der Hilfe für Erkrankte. „Und wir führen diese Tradition stolz fort, sind aber natürlich ein kleines bisschen traurig, dass wir immer noch diese Hilfe bieten müssen“, sagt Matthias Zimmer. „Aber wir machen das gerne.“
„Wir können hier viel mehr Arzt sein“
Sogar „leidenschaftlich gerne“, denn in der Sprechstunde könnten er und die übrigen Ehrenamtlichen das tun, was sie am liebsten tun, betont Zimmer: kranken Menschen helfen. „Wir sind direkt am Menschen dran. Niemand interessiert sich bei uns für Themen wie Abrechnung oder Dokumentation. Natürlich schreiben wir auf, was wir erleben mit den Patienten. Aber wir können viel mehr Arzt sein, als das normalerweise im Krankenhaus oder in der Praxis möglich wäre.“
Soweit wie sich die Patientinnen und Patienten helfen lassen wolle. Der Abzess am Ellbogen wird noch Ort versorgt. Eine vergleichsweise kleine Prozedur. Matthias Zimmer will dem Mann am liebsten noch Medikamente für den Bluthochdruck mitgeben. Der aber lehnt ab. Zuhause, sagt er, wäre der Blutdruck nicht so hoch. Im Zweifel kann er wiederkommen – am nächsten Mittwochnachmittag.
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/keine-krankenversicherung-diese-aerzte-in-offenbach-helfen-trotzdem-v1,malteser-sprechstunde-offenbach-100.html



