Milan Kundera oder Václav Havel – das sind prominente Namen tschechischer Autoren der Vergangenheit. Auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert sich das Gastland Tschechien mit Autorinnen und Autoren von heute – darunter auch jüngere Stimmen, die für Aufsehen gesorgt haben.

Für Tschechien auf der Buchmesse: Marek Torčík, Radka Denemarková, Štěpánka Jislová, Jaroslav Rudiš, Dora Kaprálová
Bild © Connor Jandourek Photostudio, Czechia 2026, Collage: hessenschau.de
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|Christoph Scheffer
„Ein Land an der Küste“ – das ist das eher rätselhafte Motto des tschechischen Gastlandauftritts bei der Frankfurter Buchmesse. Ein geografischer Scherz, der auf die sprichwörtliche Sehnsucht der Tschechen nach dem Meer anspielt.
Ein „Meer der Literatur“ will das Gastland präsentieren – mit rund 75 Autorinnen und Autoren, die aus Tschechien nach Frankfurt kommen. Einige von ihnen stellen wir mit ihren Neuerscheinungen vor.

Brückenbauer: Jaroslav Rudiš
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Jaroslav Rudiš: „Wenn die Toten sprechen“
Er ist der Popstar der tschechischen Literaturszene – und das auch im ganz wörtlichen Sinne. Denn immer wieder ist Jaroslav Rudiš mit seiner „Kafka Band“ auf Tour, die die Romane des großen Prager Schriftstellers vertont.
Seinen großen Vorlieben – dem Bahnfahren und dem Biertrinken – hat Rudiš sehr unterhaltsame „Gebrauchsanweisungen“ (in der gleichnamigen Buchreihe im Piper-Verlag) gewidmet. Mit den Comic-Zeichnern Jaromír Švejdík und Nicolas Mahler ersann er düster-melancholische Graphic Novels.
Geboren 1972 in Turnov, ist Jaroslav Rudiš seiner Heimat in der Region Böhmisches Paradies immer treu geblieben. Dabei lebt er längst auch in Berlin und schreibt seit Jahren eher auf Deutsch als auf Tschechisch.
Der jüngste Roman von Jaroslav Rudiš „Wo die Toten sprechen“ (Luchterhand) erzählt von Caspar, Lorenzo und Miss Detroit und ihrer Reise zu den Friedhöfen Mitteleuropas. Unterwegs sind sie in einem alten Saab, ein Auto wie ein Sarg. Eine fantastische Road Novel im typischen Rudiš-Sound zwischen Wien und Venedig, zwischen Berlin und dem Böhmischen Paradies.

Herrin der Fliegen: Dora Kaprálová
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Dora Kaprálová: „Die Mariborhypnose“
Sie ist eine Grenzgängerin zwischen Hörspiel und Kinderbuch, zwischen Prosa und Theater, zwischen Reportage und Fiktion. Zwischen Poesie, Reisebericht und historischer Liebesgeschichte bewegt sich Dora Kaprálová in ihrem aktuellen Roman „Die Mariborhypnose“, in dem sie die slowenische Stadt aus der Perspektive einer Fliege erkundet.
„Sie hat eine interessante und, man könnte sagen, eine anrührende Physiognomie und Seele“ – so beschreibt Dora Kaprálová voller Liebe ihre Protagonistin: „Dünne, behaarte Beine, das Herz eines hilflosen Engels, die Äuglein unruhig aber freundlich.“
Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Europäischen Union, wurde das Buch pünktlich zur Frankfurter Buchmesse von Nataša von Kopp ins Deutsche übersetzt (mikrotext Verlag). Eine Sprache, in der auch Dora Kaprálová zuhause ist, da sie mit ihrer Familie zeitweise in Berlin lebt.
Geboren wurde sie 1975 in Brno (Brünn) als Tochter des Dichters Zdeno Kaprál. Die Wohnung, in der Dora Kaprálová aufwuchs, ist heute ein literarischer Salon.

Queere Stimme: Marek Torčík
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Marek Torčík: „Was die Zeit nicht nimmt“
„Du zerlegst die Erinnerung“ – so könnte man etwas holprig den Titel des autofiktionalen Debütromans von Marek Torčík übersetzen. In der deutschen Fassung von Mirko Kraetsch heißt das Buch „Was die Zeit nicht nimmt“ (Anthea Verlag). Der Text ist eine ebenso poetische wie präzise Analyse der eigenen Kindheit und Jugend.
Erfahrungen von häuslicher Gewalt, Homophobie und Rassismus werden auf schmerzhafte Weise konkret in Marek Torčíks rekonstruierter Erinnerung: Die Erschöpfung der alleinerziehenden Mutter, die Gewalt des Großvaters, das Mobbing in der Schule, die Liebe zu dem Mitschüler Marian, der aus einer Roma-Familie stammt. „Ich wollte die Klassenerfahrung beschreiben“, sagt Marek Torčík, „das Aufwachsen in Armut und wie es sich auswirkt auf die Körper und die Erinnerung von Kindern.“
Geboren 1993 in der mährischen Kleinstadt Přerov, lebt Marek Torčík heute in Prag und ist eine der wichtigsten queeren Stimmen Tschechiens. Sein Debüt schaffte es trotz (oder vielleicht auch wegen) der schonungslosen Darstellung gesellschaftlicher Probleme an die Spitze der tschechischen Bestsellerlisten und wurde auch international zum Erfolg.

Erzählt Geschichte(n): Radka Denemarková
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Radka Denemarková: „Schokoladenblut“
Sie gehört zu den Autorinnen und Autoren aus Tschechien, die seit vielen Jahren auch ein großes deutschsprachiges Publikum erreichen. Diktatur und Totalitarismus, patriarchale Gewalt, Antisemitismus und die Vertreibung der Sudentendeutschen – das waren und sind die Themen von Radka Denemarková. Ihre Bücher erscheinen zumeist in der Übersetzung von Eva Profousová bei Hoffmann und Campe.
In ihrem neuen Roman „Schokoladenblut“ erzählt Denemarková die Geschichte des 19. Jahrhunderts neu. Den Aufstieg von Nationalismus und Kapitalismus verwebt sie mit den Lebensgeschichten von George Sand und der tschechischen Nationaldichterin Božena Němcová.
Geboren 1968 in Kutná Hora, lebt Radka Denemarková als überaus produktive Schriftstellerin, Drehbuchautorin, Essayistin, Literaturwissenschaftlerin und Dramaturgin in Prag. Deutsch hat sie schon als Kind gelernt und übersetzt auch deutschsprachige Romane ins Tschechische, darunter die Werke von Herta Müller.

Comic-Lady: Štěpánka Jislová
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Štěpánka Jislová: „Heartcore“
Ist Verliebtsein Schicksal, Prägung oder Veranlagung? Woher kommt die Liebe? Und wieso geraten wir immer wieder an die Falschen? Diesen Fragen widmet sich Štěpánka Jislová in ihrer mehrfach ausgezeichneten Graphic Novel „Heartcore“ (in der Übersetzung von Julian Miesenböck erschienen bei Voland & Quist). „Eigentlich sollte es ein kurzes Buch über die Liebe werden“, verrät Jislová, „dann wurde es langes autobiographisches Buch über viele Themen.“
Štěpánka Jislová wurde 1992 in Prag geboren, wo sie auch heute als Zeichnerin und Illustratorin lebt. „Comic ist das ideale Medium für Leute, die gerne einen Film machen würden, aber keine Teamarbeit mögen“, sagt Štěpánka Jislová. Sie engagiert sich im internationalen Netzwerk „Laydeez do Comics“, das die Arbeit weiblicher Comiczeichnerinnen fördern will.
Auf der Frankfurter Buchmesse gehört Štěpánka Jislová zu etwa einem Dutzend Comic-Autorinnen und Autoren, die die reiche tschechische Tradition der illustrierten Bücher repräsentieren.
Quelle: https://www.hessenschau.de/kultur/buchmesse/buchmesse-frankfurt-2026-fuenf-autoren-aus-tschechien-die-sie-kennen-sollten-v1,buchmesse-tschechien-autoren-100.html

