Über all dem schwebt das altbekannte Problem der maroden Schulgebäude. Nur etwa ein Viertel der Lehrkräfte, die Antworten zu der Umfrage zurückschickten, beschreibt den Zustand ihres Schulgebäudes als gut oder sehr gut. Dem gegenüber stehen rund 65 Prozent, die nach eigener Aussage in einem mittelmäßigen oder maroden Schulgebäude unterrichten müssen.
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Das sagt die Bildungsforscherin
Professorin Barbara Asbrand von der Goethe-Universität in Frankfurt forscht seit Jahren zu Schulentwicklung und Bildungswesen. Sie ordnet die Ergebnisse der Umfrage ein.
Asbrand bestätigt, dass zunehmende psychische Probleme für die Lehrkräfte eine Mehrbelastung seien: „Ein Jugendlicher, der psychische Probleme hat, kann sich wahrscheinlich nicht so gut konzentrieren. Und er wird viel im Kopf haben, was in dem Moment für ihn wichtiger ist als die schulische Aufgabe.“
Aus Sicht der Bildungsforscherin sind viele der Probleme an hessischen Schulen Spätfolgen der Corona-Pandemie. Kinder und Jugendliche von heute hätten damals wegen der allgemeinen Schließung von Kindergärten und Schulen wichtige Dinge nicht gelernt: „Zum Beispiel mit einer Schere zu schneiden, einen Stift zu halten. Oder ihnen ist weniger vorgelesen worden, das heißt, sie haben Defizite im Spracherwerb.“
Auch sei das sogenannte soziale Lernen während der Corona-Pandemie zu kurz gekommen, ebenso das Unabhängigwerden von den Eltern.
Die eigentliche Lehrerarbeit wird immer mehr von Verwaltungsaufgaben zugemüllt.
Zitat von
Teilnehmer/-in an der Umfrage
Zitat Ende
Asbrand findet, auch wenn die hessenschau-Umfrage weder repräsentativ noch wissenschaftlich sei, zeige sie Probleme auf, die auch die Schulforschung identifiziert habe: „Die Kapazitäten an den Schulen werden weniger, und die Herausforderungen werden größer. Vor allem, weil sie seit Jahrzehnten ignoriert werden.“
Erfahrungen eines Lehrers
Im nordhessischen Fuldatal heißt es „Schule aus“ für Lehrer David Redelberger-Engel. Es ist 15.30 Uhr, er hat in dem hellgelben 70er-Jahre-Bau gerade seine letzte Unterrichtsstunde für diesen Tag gegeben.
Redelberger-Engel unterrichtet Physik und Chemie an der Gesamtschule Fuldatal (Kreis Kassel). Eigentlich ist es sein Traumjob, wie er sagt: „Das Arbeiten mit den Kindern ist super, aber die Herausforderungen rundherum werden schwieriger.“ Er habe den Eindruck, dass die Rahmenbedingungen von oben nicht so geschaffen würden, dass er gut arbeiten könne.
David Redelberger-Engel unterrichtet an der Gesamtschule Fuldatal.
Bild © hessenschau.de
Der 37-Jährige engagiert sich bei der Bildungsgewerkschaft GEW Nordhessen. Er kritisiert das Kultusministerium in Wiesbaden. Das habe zusätzliche Lehrerstellen etwa an sogenannten Brennpunktschulen und Integrierten Gesamtschulen gekürzt. „Vor allem fehlen diese Stellen jetzt in Gegenden, wo es besonders notwendig wäre, dass es diese Stellen gibt. Zum Beispiel an Gesamtschulen wie meiner“, sagt Redelberger-Engel.
Das sagt das Kultusministerium
Das hessische Kultusministerium verweist dagegen auf das vergangene Woche vorgestellte Bildungschancen-Paket, durch das Schritt für Schritt 680 weitere Lehrerstellen finanziert werden sollen. Die Bildungsgewerkschaft GEW hat das Paket einen „Schritt in die richtige Richtung“ genannt. Sie bemängelt aber, dass an Schulen, wo die Arbeit besonders belastend sei, nach wie vor Stellen wegfallen würden.
Grundsätzlich teilt das Kultusministerium nach eigener Aussage den Eindruck, dass Lehrkräfte vor „vielfältigen, steigenden Herausforderungen“ stünden. Die schwarz-rote Landesregierung bemühe sich, sie dabei zu unterstützen. Gegen den Personalmangel würden „alle möglichen Hebel“ gezogen, beteuert das von CDU-Mann Armin Schwarz geführte Ministerium. Zuletzt seien nur 1,6 Prozent der Stellen in Hessen unbesetzt geblieben.
Auch zu den zunehmenden psychischen Problemen, die Lehrkräfte bei ihren Schülerinnen und Schülern beobachten, äußert sich das Kultusministerium. Die Zahl der Schulpsychologen sei zuletzt angehoben worden, das Land investiere in sozialpädagogische Fachkräfte. Außerdem gebe es mehr Fortbildungsangebote für Lehrkräfte, damit diese besser mit den psychischen Belastungen umgehen könnten.
Die Zunahme psychischer Auffälligkeiten bei Schüler*innen? Läuft so nebenbei. Alle sollen sich fortbilden, doch wann soll das geschehen?
Zitat von
Teilnehmer/-in an der Umfrage
Zitat Ende
Zum absinkenden Leistungsniveau an Schulen führt das Kultusministerium aus, dass es allen Kindern mit einem breiten Fördernetz bestmögliche Bildungschancen biete. Hessen sei etwa bundesweiter Vorreiter mit seinen verpflichtenden Deutsch-Vorlaufkursen, in denen Kinder mit Sprachdefiziten ein Jahr vor der Einschulung in verbindlichen Kursen Deutsch lernen. Das Bildungschancen-Paket sehe zudem ab kommendem Schuljahr zusätzliche Deutschstunden, Leseförderung und eine Stärkung des Mathe-Unterrichts vor.
Lehrer wünscht sich Entlastung
David Redelberger-Engel ist inzwischen zu Hause angekommen, bei seiner Familie und den beiden Katzen. Feierabend? „Nein, das ist bei Lehrkräften tatsächlich selten bis nie der Fall“, sagt er schmunzelnd. Oft setze er sich noch mal an den Schreibtisch, nachdem er sein Kind ins Bett gebracht habe, um Unterricht nachzuarbeiten und Verwaltungsaufgaben zu erledigen.
Für ihn ist das eine Situation, die das Problem der Lehrkräfte in den vergangenen Jahren ganz gut zusammenfasse, sagt der Lehrer aus Fuldatal: „Wenn es eine Mehrarbeit gibt, muss es an anderer Stelle Entlastung geben. Damit ich mich wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren kann, nämlich Kinder zu begleiten und zu unterrichten.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/lehrer-in-hessen-beklagen-psychische-probleme-und-lernrueckstaende-bei-schuelern-v1,umfrage-lehrkraefte-100.html



