Erst forderte die Frankfurter CDU eine Absage des Thompson-Konzerts, dann änderte sie ihren Kurs. Für Kritiker ist klar: Die Nähe des kroatischen Sängers zu Symbolen und Traditionen des faschistischen Ustascha-Regimes ist nicht hinnehmbar.
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03:30 Min.|Danijel Majic
Konzerte von Marko Perković, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Thompson, sind bombastische Masseninszenierungen. Ein durchorchestriertes Wechselspiel zwischen dem Künstler auf der mit Videowänden, Lautsprechern und Pyrotechnik vollgestellten Bühne und dem Publikum. Und in aller Regel beginnen sie mit einem bestimmten Gruß.
„Za dom“, hallt es von der Bühne. „Spremni“, antwortet das Publikum. Zusammen: Za dom spremni – für die Heimat bereit. Wenn man Thompson und seinen Fans glauben mag, ein „patriotischer Gruß“ aus der Zeit des Unabhängigkeitskrieges. Tatsächlich handelt es sich um den Wahlspruch und die offizielle Grußformel des mit Nazi-Deutschland verbundenen Ustascha-Regimes.
Schon bald dürfte dieser Gruß auch in Frankfurt erschallen. Im November will Marko Perković alias Thompson in der Frankfurter Jahrhunderthalle auftreten. Und der politische Streit um das geplante Konzert des als Ultranationalisten verschrienen Künstlers reißt nicht ab.
Europaweite Auftrittsverbote
Kurz nachdem der hr über das geplante Thompson-Konzert berichtet hatte, herrschte in der Frankfurter Lokalpolitik zunächst seltene Einhelligkeit. Linke, Grüne, SPD, Volt und zunächst auch die CDU sprachen sich klar gegen den Auftritt aus.
„Marko Perković ist kein einfach nur umstrittener Künstler“, hieß es etwa in einer Pressemitteilung der SPD. „Wer den Gruß des faschistischen Ustaša-Regimes auf die Bühne trägt, mit dessen Symbolik spielt und seine Konzerte immer wieder zu Orten der Verherrlichung dieser Ideologie werden lässt, muss auch so benannt werden: als Faschist.“ Einem solchen Mann dürfe keine Bühne geboten werden.
Thompsons Kokettieren mit den Ustascha hat ihm europaweit zahlreiche Auftrittsverbote und teilweise sogar Einreiseverbote eingebracht. In Frankfurt soll das Konzert in der privat geführten Jahrhunderthalle stattfinden. Für die Lokalpolitik bedeutet dies: Sie kann an die Betreiber appellieren, nicht verbieten. Und auch von den Appellen ist eine Partei inzwischen wieder abgerückt.
CDU sieht plötzlich keinen Grund für Absage
Die Frankfurter CDU hatte sich zunächst den Forderungen nach einer Absage angeschlossen. Einen Tag nachdem der Vorverkauf für das Thompson-Konzert begonnen hatte, erklärte der CDU-Stadtverordnete Christian Becker: „Kunstfreiheit ist ein hohes Gut, aber sie darf nicht als Freibrief für die Verherrlichung faschistischer Symbolik verstanden werden. Ich erwarte daher eine klare Haltung und alle rechtlich möglichen Schritte gegen diesen Auftritt.“
Knapp drei Tage später ruderten die Christdemokraten zurück. Aufgrund einer „vertiefenden Prüfung“ stelle sich die Sachlage nun anders da, hieß es in einer neuerlichen Pressemitteilung. „Auf Grundlage der derzeit vorliegenden Informationen sehe ich deshalb keinen tragfähigen Grund für eine Absage des Konzerts“, ließ sich die kroatischstämmige Stadtverordnete Anita Akmadža zitieren.
Es müsse zudem berücksichtigt werden, dass Thompson für viele Menschen mit kroatischen Wurzeln „Teil ihrer musikalischen und persönlichen Biografie“ sei, so Akmadža weiter. Zudem mahnte die Stadtverordnete, dass keine pauschale „Gleichsetzung von kroatischer Kultur, Patriotismus oder der Erinnerung an den Unabhängigkeitskrieg mit Faschismus“ erfolgen dürfe.
Integration faschistischer Symbole
Wo genau die Gleichsetzung von „kroatischer Kultur“ mit Faschismus erfolgt sein soll, verrät die CDU in ihrem neuerlichen Statement nicht. Die Wortwahl indes erinnert an ähnliche Formulierungen in rechten kroatischen Medien, die jedwede Kritik an der „nationalen Ikone“ Marko Perković zu einem Angriff auf das „patriotische Kroatien“ umdeuten wollen.
„Das Problem sind aber nicht kroatischer Patriotismus und die Empfindlichkeiten der kroatischen Community, sondern die Integration faschistischer Symbole und Traditionen in eine positive nationale Erinnerung“, sagt Sabina Ferhadbegović, Historikerin am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz.
Fans mit Ustascha-Symbolen
Thompson versuche, eindeutig mit den Ustascha verbundene Symbole unter Verweis auf den Unabhängigkeitskrieg umzudeuten – beispielsweise die Grußformel „Za dom spremni“. In seinen Liedern fänden sich zudem immer wieder kaum versteckte Verneigungen vor dem Regime, das für die Ermordung Hunderttausender Serben, Roma, Juden und politischer Dissidenten verantwortlich zeichnete.
Dass seine Fans diese Anspielungen verstünden, habe sich auch bei den jüngsten Konzerten von Thompson wieder gezeigt, so Ferhadbegović: „Wir haben auch da beobachtet, dass da zahlreiche Fans menschenverachtende Zeichen und Symbole gezeigt haben, die die Ustascha-Zeit verherrlicht haben oder auch Ustascha-Zeichen gezeigt haben“, sagt Sabina Ferhadbegović, Historikerin am Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz. Das sei auch in Frankfurt zu erwarten.
Verbindung zu kroatischem Dachverband
Dennoch sieht die Frankfurter CDU inzwischen keinen „tragfähigen Grund“ mehr, um die Forderung nach einer Konzertabsage aufrechtzuerhalten. Nachfragen zu den Gründen für den Kurswechsel wollen die Christdemokraten nicht beantworten. Man bitte um Verständnis, dass man keine weiteren Stellungnahmen zu dem Thema abgeben wolle.
Auffällig ist die Nähe diverser CDU-Politiker zur kroatischen Community beziehungsweise zu ihr nahestehenden Organisationen. Die Stadtverordnete Anita Akmadža etwa soll Medienberichten zufolge dem „Kroatischen Weltkongress in Deutschland“ angehört haben, einer Art Dachverband für kroatische Vereine und Institutionen in Deutschland. Vorsitzender des Weltkongresses ist ihr Ehemann Franjo Akmadža.
Auch der Weltkongress sprach sich in einer Stellungnahme gegen eine Absage des Konzerts aus und betonte, dass man Thompsons künstlerisches Schaffen in den Kontext des kroatischen Unabhängigkeitskrieges der 1990er einordnen müsse. Auf hr-Anfragen reagierte der Weltkongress nicht.
Grußworte bei „Kroatischer Nacht“
Stattdessen verwies Anita Akmadža in der letzten Stellungnahme der CDU-Fraktion darauf, dass der Konzertveranstalter zugesagt habe, dass „die in der öffentlichen Debatte beanstandeten Lieder aus der Kriegszeit der 1990er-Jahre nicht Bestandteil des Konzertprogramms sein werden“. Um welche Lieder es sich genau handelt – dazu schweigt die CDU auf Nachfrage.
Auch der Veranstalter, eine Konzertagentur aus Neuss (Nordrhein-Westfalen), reagierte nicht auf hr-Anfragen. Dieselbe Agentur organisiert bereits seit Jahren die einmal jährlich stattfindende „Kroatische Nacht“ in der Ballsporthalle in Frankfurt-Unterliederbach, die regelmäßig mehrere tausend Besucher anzieht.
Bei der „Kroatischen Nacht“ hatten in der Vergangenheit auch CDU-Politiker Grußworte gesprochen – darunter der Minister für Bund, Europa, Internationales und Entbürokratisierung, Manfred Pentz, sowie der Antisemitismusbeauftragte der Landesregierung, Uwe Becker.
Distanzierung unwahrscheinlich
Uwe Becker erklärte auf hr-Anfrage, dass es „eine Verherrlichung des Faschismus wie auch anderer Formen von Extremismus“ in Hessen nicht geben dürfe. „Im konkreten Fall des kroatischen Sängers Thompson sind derartige Anklänge auch vorhanden, wenngleich in der kroatischen Community ein differenziertes Bild seiner Person mit Blick auf die Zeit des Jugoslawienkrieges gezeichnet wird, was eine eindeutige Einordnung erschwert.“
Er erwarte jedoch, dass sich der Künstler „klar und eindeutig vom Faschismus im Zweiten Weltkrieg distanziert und die antisemitischen und rassistischen Verbrechen dieser Zeit sowie auch heutige Erscheinungsformen klar verurteilt“, so Becker.
Ein hehrer Wunsch. Dass er in Erfüllung geht, bezweifelt die Mainzer Historikerin Sabina Ferhadbegović jedoch. Thompson habe seit Beginn seiner Karriere vor mehr als 30 Jahren zahlreiche Gelegenheiten gehabt, sich von den Ustascha zu distanzieren und dies nicht getan. „In seinen Liedern geht er eher in eine andere, ethnonationalistische Richtung. Ich habe keine Hoffnung, dass Thompson sich in einem Statement plötzlich zu einer offenen Gesellschaft bekennt.“
Quelle: https://www.hessenschau.de/gesellschaft/thompson-konzert-in-frankfurt-cdu-aendert-kurs-beim-thema-rechtsrocker-v1,thompson-konzert-cdu-frankfurt-100.html



